Film-Review: „25 km/h“ (2018) – Ein Roadmovie zwischen Zündapp-Liebe und technischem Wahnsinn

TEASER: Mr. Moped zerlegt den Kultfilm „25 km/h“: Ein technischer Realitätscheck der Zündapp ZD & Puch Maxi, Analyse der Darsteller-Schrauber-Skills und warum das Original-Filmfahrzeug ungeoeffnet in meiner Sammlung steht. Pflichtlektüre für 2-Takt-Fans!

Servus Leute!

Willkommen zurück in der Moped-Garage! Heute legen wir mal den 10er Schlüssel und den Polradabzieher beiseite. Wir machen das Tor zu den Heiligen Hallen zu, werfen den Beamer an und widmen uns einem Stück deutscher Kulturgeschichte, das uns alle angeht. Es geht um den Film, der 2018 dafür gesorgt hat, dass plötzlich jeder Zahnarzt und jeder Studienrat wieder wusste, wie 1:50 riecht. Es geht um „25 km/h“.

Warum ich, Mr. Moped, mir das Recht herausnehme, diesen Film zu rezensieren? Ganz einfach: Weil einer der Hauptdarsteller bei mir wohnt. Nein, nicht der Eidinger und auch nicht der Mädel (obwohl die zum Grillen vorbeikommen könnten). Ich rede von der wahren Heldin des Films: Der Zündapp ZD in diesem herrlichen, sagen wir mal „Camel-Kackbraun“. Das Original-Filmfahrzeug steht bei mir in der Sammlung. Ja, genau die mit dem Pfeil im Tank. Mein Mechaniker wollte die mal putzen, da habe ich fast einen Herzinfarkt bekommen. „Finger weg!“, habe ich geschrien. Der Dreck ist original Hollywood (oder zumindest original deutsche Kiesgrube).

Also, schauen wir uns diesen Streifen mal mit der Brille eines Mannes an, der seit Jahrzehnten an nichts anderem riecht als an altem Getriebeöl und verharzten Vergasern. Ist das Kunst oder kann das weg? Ist das realistisch oder Hollywood-Pfusch?

Die Handlung (Für die, die nur E-Roller fahren)

Ganz kurz für die Unwissenden: Zwei Brüder, Christian (Lars Eidinger) und Georg (Bjarne Mädel), treffen sich nach Jahren auf der Beerdigung ihres Vaters im Schwarzwald wieder. Sie saufen sich einen an, finden ihre alten Mofas im Keller und beschließen im Vollrausch, die Tour zu machen, die sie als Teenager geplant hatten: Vom Schwarzwald an die Ostsee. Mit 25 km/h. Klingt nach einem Plan, der so solide ist wie ein geschweißter Zündapp-Rahmen, oder?

Der Film lebt von diesem Gefühl der Entschleunigung. „Du bist Null im Stress“, wie ich immer sage. Man sitzt drauf, nimmt die Umwelt wahr und genießt die Landschaft. Das bringt der Film rüber. Aber wir sind ja hier nicht im Feuilleton der Zeit, wir sind in der Moped-Garage. Uns interessiert die Technik!

Die Hauptdarsteller aus Blech: Zündapp vs. Puch

Hier prallen zwei Welten aufeinander, und das ist historisch gesehen schon der erste Zündstoff für den klassischen Glaubenskrieg.

Die Zündapp ZD (Das Kamel)

Christian (der Business-Kasper im Anzug) fährt die Zündapp. Im Film wird sie oft als ZD 25 oder ZD 40 tituliert. Schauen wir mal genauer hin. Es handelt sich um ein Modell der 446er Baureihe. Das erkennen wir am Zentralrohrrahmen mit dem angegossenen Druckguss-Heck. Das ist typisch Zündapp: Massiv, schwer, für die Ewigkeit gebaut.

  • Der Motor: Wahrscheinlich ein Typ 250 (Automatik) oder 278 (Handschaltung), je nach Szene (dazu gleich mehr im Fehler-Check).
  • Das Design: Die Kombination aus Rechteckscheinwerfer und Cockpitverkleidung spricht für eine spätere 446er, vielleicht eine ZD 20 oder ZD 40. Das Ding ist ein Panzer. Wenn du damit hinfällst, hat die Straße eine Delle, nicht das Moped.
  • Der Zustand im Film: Patina pur. So muss das aussehen. Nicht diese totrestaurierten Kisten, wo man sich nicht traut, den Kickstarter anzuschauen.

Die Puch Maxi S (Das Bonanza-Monster)

Georg (der Tischler, der daheim geblieben ist) fährt eine Puch Maxi S. Aber nicht irgendeine. Das Ding hat einen Hochlenker, dass dir die Achseln auskühlen. Eine Sissybar hinten dran, Fuchsschwanz, das volle 80er-Jahre-Kirmes-Programm. Die Puch Maxi ist das Gegenteil der Zündapp: Pressstahlrahmen, simpelste Technik, der „Volkswagen“ unter den Mofas. Aber mit dem Hochlenker (Bonanza-Style) wird das Fahrverhalten… sagen wir mal „interessant“. Ich habe ja selbst so ein Bonanzarad mit 6 PS gebaut, das fährt sich „total bescheuert“. Dass Georg damit bis zur Ostsee will, zeugt von massiven Nackenmuskeln.

Der ULTIMATIVE Mr. Moped Realitätscheck

Jetzt holen wir den roten Stift raus. Ich habe den Film Frame für Frame analysiert. Und da gibt es Szenen, da kriege ich Plaque! Da hat der Regisseur die Physik genauso ignoriert wie der „Spezialist aus Bayern“ das Höhenspiel der Kurbelwelle.

Fehler 1: Die Schwarzwald-Berge und die Automatik

Die Jungs starten im Schwarzwald. Wir reden hier von Steigungen, wo selbst ein gut eingefahrenes 3-Gang-Moped kotzt. Und was fahren die? Automatik-Mofas! (Zumindest suggeriert das der Sound und die fehlende Schalt-Action). Leute, wir wissen alle: Eine originale Puch Maxi oder eine Zündapp ZD 25 (Automatik, Typ 250 Motor) hat 1,5 PS. Bei einer Steigung von mehr als 5% mit einem ausgewachsenen Mann (Bjarne Mädel ist ja kein Hungerhaken) drauf, passiert physikalisch folgendes: Die Fliehkraftkupplung rutscht, die Drehzahl fällt in den Keller, und du stehst. Im Film? Die düsen da die Serpentinen hoch, unterhalten sich entspannt und überholen sich gegenseitig. Bullshit! In der Realität hätten die Pedale geglüht vom Mitstrampeln! Das ist so realistisch wie ein 180 km/h Mofa ohne Tuning.

Fehler 2: Das „Tandem-Fahren“

Es gibt diese Szene, wo sie nebeneinander fahren, sich an den Schultern festhalten und so eine Einheit bilden. Habt ihr das mal probiert? Mit 25 km/h? Auf zwei verschiedenen Fahrzeugen mit unterschiedlichem Radstand und unterschiedlicher Fahrphysik (Zündapp stabil, Puch wackelig)? Das endet normalerweise nach 3 Sekunden mit einem ineinander verhakten Lenker und einer doppelten Rolle in den Straßengraben. Das ist Stunt-Arbeit, keine Mofa-Romantik.

Fehler 3: Die Beladung

Schaut euch mal an, was die alles dabei haben. Die Zündapp hat hinten Koffer, Schlafsäcke, Zelt… das sind locker 20-30 Kilo Gepäck. Dazu der Fahrer (sagen wir mal 85 Kilo). Wir sind also bei einer Zuladung, die das zulässige Gesamtgewicht (bei der ZD ca. 230 kg minus Leergewicht) hart testet. Das Problem ist nicht der Rahmen (Zündapp hält das!), das Problem ist die Bremsanlage. Wir reden hier von 110mm oder 120mm Trommelbremsen. Wenn die den Schwarzwald runter fahren, mit dem Gewicht, dann glühen die Beläge nach der dritten Kurve. Das nennt man Fading. Im Film? Die bremsen punktgenau vor der Kneipe. In echt wären die durch die geschlossene Glastür in den Tresen gerauscht.

Fehler 4: Der Pfeil im Tank

Die Szene, wo Lars Eidinger (Christian) mit dem Pfeil im Tank der Zündapp rumfährt. Erstens: Ein Tank ist aus Blech. Wenn da ein Pfeil drin steckt, ist er undicht. Benzin läuft raus. Auf den heißen Zylinder. Wuff. Zweitens: Das Original-Filmfahrzeug bei mir hat den Pfeil noch. Aber in der Realität hätte der TÜV (über den wir ja schon oft gesprochen haben, Stichwort „Legal, Illegal, Scheißegal“) das Fahrzeug sofort stillgelegt. „Gefährdendes Fahrzeugteil“.

Schrauber-Analyse: Können die das wirklich?

Es gibt Szenen, da müssen sie schrauben. Und hier muss ich sagen: Respekt an die Requisite. Die Hände sind dreckig. Es ist Öl unter den Fingernägeln. Das ist nicht dieses saubere TV-Schrauben. Als die Kette abspringt (Klassiker!), machen sie das, was wir alle machen: Sie fluchen, sie machen sich die Hände schmutzig, sie würgen das Ding wieder drauf. Aber: Wo ist das Werkzeug? Ich sehe keinen Rucksack mit dem obligatorischen Zündkerzenschlüssel, dem Schraubendreher und der Ersatz-Zündkerze. Wer ohne Ersatzkerze und Kerzenschlüssel auf eine 1000km Tour geht, ist entweder mutig oder dumm. Ein Zündfunke kann schneller weg sein, als man denkt, und dann stehst du da in der Pampa.

Die tiefere Bedeutung: Warum der Film trotzdem GEIL ist

Trotz aller technischer Unmöglichkeiten (die fahren da teilweise Routen, die kein Navi der Welt berechnen würde): Der Film hat das Herz am rechten Fleck. Er zeigt genau das, was ich in meinen Videos immer predige: Die Freiheit. Das Gefühl, wenn der Zweitakter läuft. Wenn du nicht schnell bist, aber ankommst. Wenn du die Landschaft riechst (und sie dich). Norbert (also ich) sagt ja immer: „Ich steig drauf und ich hab sofort Spaß. Obwohl es so langsam ist oder eben weil es so langsam ist.“. Genau das fängt der Film ein. Die Vibrationen am Hintern, der Wind im Gesicht (auch wenn es nur ein laues Lüftchen bei 25 km/h ist).

Besonders die Szene beim Tischtennis-Rundlauf auf dem Dorfplatz. Da stehen die Mofas im Hintergrund wie treue Pferde. Das ist Kulturgut. Die Mofas sind nicht nur Fortbewegungsmittel, sie sind Zeitmaschinen. Sie beamen die beiden Brüder zurück in eine Zeit, wo das größte Problem war, ob man das Gemisch an der Tankstelle richtig berechnet hat.

Marken-Check: Ein Hoch auf die deutsche Wertarbeit

Dass sie eine Zündapp und eine Puch genommen haben, ist kein Zufall.

  • Zündapp: Steht für den deutschen Ingenieur. Solide, bieder, unverwüstlich. Passt perfekt zu Christians Rolle als steifer Manager. Die Zündapp lässt ihn nicht im Stich (meistens). Sie ist wie ein Banktresor auf Rädern.
  • Puch: Die Österreicherin. Etwas wilder, etwas klappriger, aber mit Herz. Passt zu Georg, dem Handwerker, der das Leben nimmt, wie es kommt.

Hätten sie eine Kreidler Flory genommen? Vielleicht. Aber die Flory war damals schon das „Teuer-Mofa“, das Statussymbol. Die ZD und die Maxi waren die Arbeitstiere. Das macht den Film bodenständiger. Eine Hercules Prima 5S hätte auch gepasst, war aber vielleicht optisch zu nah an der 80er-Jahre-Massenware. Die Zündapp mit dem Zentralrohr ist optisch einfach markanter.

Fazit von Mr. Moped

„25 km/h“ ist kein Lehrfilm für Zweiradmechaniker. Wer hier lernen will, wie man eine Zündung einstellt oder einen Vergaser abstimmt, der ist falsch. Der sollte lieber meine Tutorials schauen. Aber wer verstehen will, warum wir Verrückten hunderte von Stunden in Kellerlöchern verbringen, warum ich 160 Mopeds sammle und warum wir uns über einen Millimeter Höhenspiel am Pleuel mehr aufregen als über die Weltpolitik – der muss diesen Film sehen.

Er ist eine Liebeserklärung an das Mofa. An die Langsamkeit. An die Freundschaft, die man nur auf einem sattelgefederten Zweitakter findet.

Bewertung:

  • Kult-Faktor: 10/10 (Alleine wegen der ZD 25)
  • Realismus: 3/10 (Physik wurde im Schwarzwald außer Kraft gesetzt)
  • Schrauber-Spirit: 8/10 (Dreckige Hände, gute Laune)
  • Gesamturteil: Pflichtprogramm für jeden, der Benzin im Blut hat!

Und falls ihr den Film schaut und euch fragt: „Wo ist eigentlich dieses geile Moped mit dem Pfeil?“ – Das steht bei mir. In Neulußheim. Ungeputzt. Und das bleibt auch so.

Geht raus, schraubt was, fahrt ne Runde (aber bitte mit Helm und funktionierenden Bremsen). Und lasst die Pfeile stecken, das macht nur Ärger mit dem Tank.

STAY TUNED!

Euer Mr. Moped (Norbert)

Anhang: Technische Daten des Filmstars (Zündapp ZD 25 TS – Vermutung basierend auf Optik)

Da im Film oft Modelle gemischt werden (Requisiteure nehmen, was läuft), hier die Daten, wie sie sein sollten, wenn alles mit rechten Dingen zuginge (Basierend auf ZD 25 TS Daten):

BaugruppeDaten (Original)Film-RealitätKommentar Mr. Moped
MotorTyp 278 (3-Gang Handschaltung) oder 250 (Automatik)Im Film Automatik-SoundWenn Automatik, dann am Berg verloren!
Leistung1,5 PS (1,1 kW)Gefühlt 5 PS im FilmDie ziehen ab wie eine offene 50er!
VergaserBing 1/10/… oder Mikuni VM13Wahrscheinlich verharztBing lässt sich leichter abstimmen!
RahmenZentralrohrrahmen (Typ 446)StabilHält auch Lars Eidinger aus.
BremsenTrommel 120mmWerden nie heißPhysikalisch unmöglich bei der Zuladung.
Tankca. 6 LiterMit Pfeil-LochMüsste eigentlich lecken wie Sau.

(Hinweis: Die genaue Typenbestimmung ist bei Filmfahrzeugen oft schwer, da oft aus mehreren Fahrzeugen eines gebaut wird – Frankensteins Mofa lässt grüßen).