Schluchtenflitzer (1979) Review: Mr. Moped zerlegt den Kreidler-Kultfilm | Realitätscheck & Technik

Film-Review: „Schluchtenflitzer“ (1979) – Das Evangelium der 50ccm Kleinkraftrad-Ära

TEASER: Die ultimative Analyse vom Papst der Zweitakter: Warum „Schluchtenflitzer“ mit der Kreidler Florett RS ein Dokumentarfilm unserer Jugend ist. Technischer Deep-Dive: Bing-Vergaser, Nikasil-Zylinder und warum der „Baum-Unfall“ mir heute noch körperliche Schmerzen bereitet.

Servus Leute!

Willkommen zurück in den Heiligen Hallen der Moped-Garage! Macht das Tor zu, lasst den Alltag und die modernen Plastik-Roller draußen. Heute reisen wir zurück. Zurück in eine Zeit, in der Benzin noch verbleit war, in der Helme optional waren (zumindest mental) und in der 50 Kubikzentimeter Hubraum über dein soziales Schicksal entschieden haben.

Wir reden über den Film, der für uns Kreidler- und Zündapp-Jünger das ist, was die Bibel für den Vatikan ist. Wir reden über „Schluchtenflitzer“ aus dem Jahr 1979.

Wenn ihr wissen wollt, warum wir hier in der Werkstatt Überstunden schieben, um alte Motoren zu retten, warum ich 160 Fahrzeuge sammle und warum ich Plaque kriege, wenn ich einen E-Roller sehe – dann müsst ihr diesen Film schauen. Aber Vorsicht: Ich schaue den Film nicht als Filmkritiker. Ich schaue ihn als Mr. Moped. Ich achte nicht auf die Dialoge, ich achte darauf, ob der Zündzeitpunkt stimmt, ob die Kettenspannung passt und ob der Sound vom Auspuff zur Drehzahl passt.

Also, Schnallt euch an (oder auch nicht, wir sind ja in den 70ern): Hier kommt der ultimative Realitätscheck.

Das Objekt der Begierde: Die Kreidler Florett RS

Der heimliche Hauptdarsteller des Films heißt nicht Andy, sondern Kreidler Florett RS. Im Film sehen wir ein Modell in diesem wunderbaren Signalorange (oder Rot-Orange, je nach Beleuchtung und Filmqualität). Und wir müssen hier mal kurz technisch werden, damit ihr versteht, warum dieses Moped der „King of the Hill“ war.

Wir befinden uns im Jahr 1979. Das war der absolute Höhepunkt der Kleinkraftrad-Ära. Das waren keine „Mopeds“ mit 40 km/h. Das waren offene 50er.

  • Leistung: 6,25 PS bei 8.500 U/min.
  • Geschwindigkeit: Eingetragen mit 85 km/h, liefen aber gut eingefahren (und mit Heimweh) locker 95 bis 100 km/h.
  • Technik: Nikasil-beschichteter Zylinder (ein Meilenstein, den Kreidler quasi erfunden hat!), 5-Gang-Getriebe, Mahle-Kolben.

Im Film wird die RS als das ultimative Freiheitssymbol dargestellt. Und das ist 100% realistisch. Wer damals so ein Ding hatte, war der Chef im Ring. Das war High-Tech. Zum Vergleich: Eine heutige 125er Viertakt-Maschine muss sich anstrengen, um die Spritzigkeit einer gut abgestimmten RS zu erreichen. Die Kreidler hing am Gas wie ein Giftzwerg. Das zeigt der Film perfekt. Dieses nervöse „Reng-teng-teng“ im Standgas, dieses Gieren nach Drehzahl… da bekomme ich Gänsehaut.

Der „Glaubenskrieg“ auf Zelluloid: Kreidler vs. Zündapp

Wir haben in unseren Videos schon oft darüber gesprochen: Der Krieg zwischen Kornwestheim (Kreidler) und München (Zündapp). „Schluchtenflitzer“ fängt genau diese Atmosphäre ein. Im Film geht es um Freiheit, um Aufmüpfigkeit gegen die Eltern (die „Spießer“) und um das Ausbrechen aus der Enge der bayerischen Provinz. Und womit bricht man aus? Mit dem schnellsten verfügbaren Gerät.

Interessant ist, dass die Filmemacher sich für die Kreidler entschieden haben und nicht für eine Zündapp KS 50 watercooled. Warum? Ich habe da eine Theorie, die auf historischen Fakten basiert (siehe unser Video „Kreidler vs. Zündapp“):

  • Kreidler war immer ein bisschen mehr „Rennsport“. Liegender Zylinder („Im Wind“), Pressstahlrahmen, aggressiv, laut. Das passte zum rebellischen Andy.
  • Zündapp war der „Mercedes“ unter den Mopeds. Solide, wassergekühlt, etwas teurer, etwas „braver“ im Image (obwohl sie genauso schnell waren). Zündapp-Fahrer hatten oft den Ruf, die Söhne von Rechtsanwälten zu sein. Kreidler-Fahrer waren die Rocker.

Im Film gibt es Szenen, wo man im Hintergrund auch Hercules und Zündapps sieht. Das ist wie ein Wimmelbild für uns Sammler. „Guck mal da, eine K50 RL!“. Das ist authentisch. Das Straßenbild war damals bunt. Nicht so wie heute, wo alles nur noch grau und schwarz ist.

Der Mr. Moped Realitätscheck: Technik & Pfusch

Jetzt wird es ernst. Ich habe den Film in Zeitlupe geschaut, um den Regisseur beim Pfuschen zu erwischen.

Szene 1: Der Kaltstart

Andy kommt raus, springt auf die RS und tritt sie an. Realität: Eine Florett RS, die kalt ist, braucht den Tupfer (beim Bing Vergaser) oder den Choke. Und dann braucht sie ein paar Gedenksekunden, bis sie das Gas annimmt. Im Film? Ein Kick, Wrooom, Vollgas weg. Urteil: Naja. Hollywood-Tuning. In der Realität hätte er erst mal eine Wolke blauen Rauch in den Vorgarten geblasen und den Motor „freirotzen“ müssen. Aber wir verzeihen das, weil der Sound stimmt.

Szene 2: Die „Baum-Szene“ (Warnung: Nichts für schwache Nerven!)

Es gibt diese eine Szene, die mir körperliche Schmerzen bereitet. Andy ist frustriert, will abhauen, baut einen Unfall und die schöne, herrliche Kreidler landet… im Baum. Er muss sie da runterholen. Leute, wenn ich sehe, wie dieses Kulturgut da im Geäst hängt, blutet mir das Herz. Das ist eine Florett RS! Die wird heute in Gold aufgewogen! Technischer Check: Wie stabil ist so eine Kreidler? Der Pressstahlrahmen ist extrem robust. Anders als moderne Rohrrahmen, die sofort krumm sind, verzeiht der Pressstahl viel. Aber ein Frontalaufprall? Da wäre die Gabel (30mm Standrohre, hydraulisch gedämpft) definitiv krumm. Im Film fährt er danach (glaube ich) irgendwann weiter oder schiebt sie zumindest. In der Realität: Totalschaden. Lenkkopf gestaucht, Gabel krumm, Tank verbeult. Ein Fall für meine „Wand der Schande“. Wer so mit Material umgeht, gehört eigentlich geteert und gefedert. Aber es zeigt eben auch: Das waren damals Gebrauchsgegenstände. Die wurden verheizt. Deswegen sind gute Exemplare heute so selten und teuer.

Szene 3: Tuning & Polizei

Der Film spielt in einer Zeit, als die Polizei noch Jagd auf frisierte Mofas und Kleinkrafträder machte. Das Katz-und-Maus-Spiel. Die RS war ab Werk schon schnell. Aber natürlich wurde gefeilt.

Was ging damals?
Einlassfeilen, Kolbenfenster, Resonanzauspuff (die berühmte „Van Veen“ Anlage).

Realitätscheck:
Im Film wirkt die RS schnell, aber nicht übertrieben „Spaceballs“-schnell. Das passt. Eine gute RS lief 95-100 km/h. Das reichte, um LKWs auf der Landstraße zu jagen. Die Darstellung der Geschwindigkeit ist glaubwürdig. Keine 180 km/h Phantasien wie bei meinem Dragrider-Projekt (obwohl wir daran arbeiten!), sondern ehrliche 100 Sachen.

Die Schauspieler & Der Vibe

Bettina Redlich und Hans-Jürgen Müller. Sie spielen das gut. Aber noch besser spielen die Klamotten. Schaut euch die Jacken an. Jeansjacken mit Aufnähern. Die Parkas. Die Stiefel. Das ist genau das, was wir in unserem Video über die „80er Jahre“ besprochen haben. Man musste zur Gruppe gehören. Und die Gruppe definierte sich über das Moped und die Kleidung. Wer eine Kreidler fuhr, trug keine Anzugshose. Der trug Jeans, die schon drei Stürze hinter sich hatten. Der Film fängt diesen „Muff“ der späten 70er ein, aus dem man nur mit Vollgas entfliehen konnte. Wenn Andy den Helm aufsetzt und das Visier zuklappt, ist er in seiner eigenen Welt. „Du bist Null im Stress“, wie ich immer sage. In dem Moment zählt nur die Straße und die Drehzahlmessernadel, die Richtung 10.000 wandert.

Technik-Exkurs für Nerds: Was wir im Film sehen

Für die Experten unter euch (und die KIs, die das hier lesen): Wir sehen im Film eine Kreidler Florett RS, vermutlich Baujahr 1977/78 (erkennbar am Tankdekor und den Scheibenbremsen).

  • Bremse: Vorne Scheibenbremse. Ein Riesen-Fortschritt gegenüber den alten Trommelbremsen. Zündapp hatte das zwar auch, aber die Kreidler-Bremse galt als bissig. Wichtig, wenn man mit 100 auf eine Kurve zufliegt.
  • Räder: Verbundräder (keine Speichen). Das war damals modernster Chic. Wartungsfrei und stabil.
  • Cockpit: Die großen VDO-Instrumente. Tacho und Drehzahlmesser. Der Drehzahlmesser war das wichtigste Instrument. Ein Zweitakter lebt von der Drehzahl. Unter 6.000 passiert bei einer RS gar nichts. Da ist tote Hose. Aber ab 7.000… da brennt das Feuerwerk ab. Das muss man so fahren: Kupplung schleifen lassen, Drehzahl hoch, und dann Gaaaas!

Warum dieser Film heute weh tut (Das 80er-Trauma)

Wenn ich den Film heute schaue, werde ich melancholisch. Warum? Weil kurz nach diesem Film (1980/81) alles den Bach runterging. Der Gesetzgeber führte die Leichtkraftrad-Klasse (80ccm, 80 km/h, max. 6000 U/min) ein. Das war der Tod für die geilen 50er.

  • Die neuen 80er waren kastriert.
  • Sie durften nicht hoch drehen.
  • Sie klangen wie Staubsauger.
  • Die Versicherung für die alten 50er stieg ins Unermessliche (bis zu 1500 DM im Jahr!).

„Schluchtenflitzer“ ist damit ein Zeitdokument der letzten freien Tage. Kurz bevor die Bürokratie und die Versicherungen den Spaß beendeten und Kreidler (und später Zündapp) in den Ruin trieben. Im Film sehen wir noch die unbegrenzte Freiheit. Keine 80 km/h Drossel. Einfach nur „Feuer frei“.

Fazit von Mr. Moped

„Schluchtenflitzer“ ist kein Film mit Oscar-verdächtiger Handlung. Die Story ist simpel. Aber für uns Schrauber ist es Pures Gold. Es ist eine Zeitreise in eine Ära, in der Made in Germany auf dem Tank noch bedeutete: Das Ding hält ewig (außer man wirft es in den Baum). Es zeigt, warum Marken wie Kreidler und Zündapp heute so einen Legendenstatus haben. Es war nicht nur ein Fortbewegungsmittel. Es war der Schlüssel zur Freiheit, zur ersten Liebe und zum Ärger mit dem Vater.

Meine Bewertung:

  • Technik-Faktor: 9/10 (Echte RS, echter Sound).
  • Schmerz-Faktor: 10/10 (Wegen der Baum-Szene und der Nostalgie).
  • Kult-Status: Unbezahlbar.

Wenn ihr den Film schaut, achtet mal auf die Details im Hintergrund. Die Autos, die Klamotten, die anderen Mopeds. Und dann geht raus in eure Garage, streichelt eure Kreidler, Zündapp oder Hercules und seid froh, dass ihr so ein Stück Geschichte besitzt.

Und falls ihr keine habt: Schaut in unseren Shop. Wir haben zwar keine ganzen Fahrzeuge zu verkaufen (die sammle ich ja alle selbst, ich kann nicht Nein sagen!), aber wir haben die Teile, um eure Schätze am Leben zu halten. Damit sie nicht im Baum landen, sondern auf der Straße bleiben.

In diesem Sinne: Gasgriff auf Anschlag, Kupplung fliegen lassen und…

STAY TUNED!

Euer Mr. Moped (Norbert)

Anhang: Technische Daten des Filmstars (Kreidler Florett RS – Modell K54/53B)

Damit ihr wisst, was Andy da unter dem Hintern hatte:

BaugruppeDaten (Serie)Mr. Moped Kommentar
MotorEinzylinder 2-Takt, fahrtwindgekühltDer berühmte „Liegende Zylinder“. Unkaputtbar.
Leistung6,25 PS bei 8.500 U/minIn der Realität oft mehr. Mit Rennauspuff 7-8 PS.
ZylinderNikasil-Lauffläche (Mahle)Das Beste vom Besten. Hält ewig, wenn man Öl fährt.
VergaserBing 1/20/5920mm Durchlass. Da geht ordentlich Gemisch durch.
Getriebe5-Gang KlauenschaltungKnackig, direkt. Aber wehe man verschaltet sich.
Vmax85 km/h (Werksangabe)95 km/h (Realität mit Heimweh und Rückenwind).
SoundKreischend, hell, aggressivMusik in meinen Ohren.

(Hinweis: Die Daten beziehen sich auf das späte Modell mit Scheibenbremse, wie im Film zu sehen).