Servus Leute!
Willkommen zurück in den Heiligen Hallen. Normalerweise reden wir hier über verstopfte Düsen, falsches Getriebeöl oder darüber, wie man einen Bing-Vergaser so einstellt, dass er nicht nur Benzin vernichtet, sondern auch Leistung produziert. Aber heute… heute lassen wir die Vernunft mal komplett an der Garderobe hängen.
Heute geht es um ein Projekt, das viele als „ambitioniert“ bezeichnen würden. Ich bezeichne es anders: „Das ist nicht verrückt, das ist krank!“.
Wir reden über den Dragrider. Wir reden über den Versuch, mit einem Haufen Schrott, der zu 95% aus Mofa-Teilen besteht, den Viertelmeilen-Weltrekord zu knacken. Wir reden über Hockenheim, über 34 Grad im Schatten, über verglühte Kupplungen und über die Jagd nach der „Heiligen Flasche“.
Schnallt euch an. Es wird laut, es wird schnell, und am Ende riecht es verdammt streng nach verbranntem Belag.
Die Geburt des Monsters (Aus dem Schrottcontainer)
Wie fängt so eine Schnapsidee an? Meistens mit einem Satz wie: „Wetten, dass das geht?“ Unser Ziel war klar: Wir wollen die Nitrolympix rocken. Wir wollen auf dem Hockenheimring gegen die Großen antreten. David gegen Goliath. Ein Mofa gegen ein 100 PS Motorrad. Das Ziel für den Weltrekord lag bei 131 km/h. Aber wir wollten mehr. Wir wollten die Schallmauer durchbrechen. 180 km/h war die Vision. Vielleicht sogar Richtung 200.
Aber womit? Ich bin Sammler. Ich habe ein psychisches Problem, ich kann nicht „Nein“ sagen, wenn mir einer Teile hinstellt. Und genau da lag die Lösung. Wir haben einen alten Hercules MX1 Rahmen aus dem Schrottcontainer gezogen. Das Ding war eigentlich Kernschrott. Rostig, verlebt, vergessen. Aber ich habe ihn angeschaut und gesagt: „Das ist er. Da bauen wir jetzt den Dragrider draus.“.
Das Frankenstein-Prinzip
Das Besondere an diesem Monster ist nicht, dass wir einfach einen Motorrad-Motor in einen Mofa-Rahmen geschweißt haben. Das kann jeder. Nein, der Dragrider besteht zu 95 Prozent aus Mofa-Teilen. Es ist ein Frankenstein-Monster aus acht verschiedenen Modellen:
• Rahmen: Hercules MX1 (massiv verstärkt, damit er uns bei 180 nicht auseinanderbricht).
• Gabel: Zündapp CS 25 (angepasst).
• Motor: Ein wildes Konglomerat, basierend auf einem Kreidler-Herz, aufgeblasen bis zum Gehtnichtmehr.
• Leistung: Ziel waren 15 bis 18 PS. Das klingt für Motorradfahrer niedlich. Aber für ein Fahrrad mit Hilfsmotor ist das, als würdest du eine Saturn-V-Rakete an ein Kettcar binden.
Die Vorbereitung (Oder: Wo ist die verdammte Flasche?)
Die Tage vor dem Rennen waren der Horror. Rene, mein Freund und Chef-Mechaniker, und ich haben quasi in der Werkstatt gewohnt. Wir waren kopfmäßig auf 200. Du schläfst nicht mehr, du isst kaum noch, du denkst nur noch an Gemischaufbereitung und Zündkurven.
Und dann passierte das, was immer passiert, wenn man unter Zeitdruck steht: Das Chaos bricht aus. Wir hatten eine Spezialmischung für den Tank entwickelt. Das war kein normales 1:50 von der Tankstelle. Das war Hexenwerk:
• Rennsprit
• Etwas Ultimate
• Ein ganz spezielles Zweitakt-Öl
• Und die Geheimzutat: Nitromethan.
Das Zeug war in einer speziellen Flasche. Der „Heiligen Flasche“. Jeder weiß normalerweise, wo sie steht. Sie ist das Herzblut des Projekts. Und drei Tage vor dem Rennen? Weg. Einfach weg. In meinem Mofa-Reich in Neulußheim verschollen. Ich bin fast wahnsinnig geworden. Du suchst zwischen 50.000 Ersatzteilen nach einer Flasche, von der dein Leben (oder zumindest dein Ruhm) abhängt. Das sind die Momente, wo du dich fragst: „Warum mache ich nicht einfach Briefmarkensammeln?“.
(Spoiler: Wir haben sie gefunden. Aber meine Nerven waren da schon so dünn wie eine Zylinderkopfdichtung aus Papier.)
Das Starter-Drama (Flexen am Hockenheimring)
Wir hatten den Sprit. Wir hatten das Mofa. Aber wir hatten ein riesiges technisches Problem: Wie kriegen wir das Biest an? Normalerweise hast du Pedale. Aber bei der Verdichtung und dem Setup trittst du dir eher das Knie durchs Kinn, als dass der Motor anspringt. Die Profi-Teams haben diese coolen Startmaschinen. Du stellst das Hinterrad auf eine Rolle, drückst einen Knopf, und Wrooom.
Wir hatten keine. Also haben wir kurzentschlossen einen Starter bestellt. Das Ding kam natürlich nicht. Tagelang warten. DHL-Tracking aktualisieren. Nichts. Dann, quasi in letzter Sekunde, kommt das Paket. „Yes!“ denke ich. „Gerettet!“.
Wir packen das Ding aus. Wir schleppen es zum Hockenheimring. Die Kulisse ist gigantisch. Tausende Zuschauer, der Asphalt glüht, die Luft riecht nach Gummi und Benzin. Wir wollen den Starter ausprobieren. Und was ist? Er passt nicht.. Die Rolle ist zu breit, der Rahmen zu schmal, irgendwas ist immer im Weg.
Was machst du am Hockenheimring, wenn das Werkzeug nicht passt? Du fängst nicht an zu weinen. Du holst die Flex. „Können wir die Rolle nicht wegmachen? Können wir das nicht abschrauben?“. Wir haben vor Ort, im Fahrerlager, zwischen den High-End-Teams mit ihren Laptops und Telemetrie-Daten, angefangen, unseren nagelneuen Starter zu zerlegen und passend zu machen. Das ist Moped-Garage-Style. Was nicht passt, wird passend gemacht.
Der Lauf (34 Grad und keine Gnade)
Dann war es soweit. Der Tag des Rennens. Die Sonne brannte vom Himmel. 34 Grad im Schatten. Der Asphalt war so heiß, dass du Spiegeleier darauf braten konntest. Für einen luftgekühlten, bis ans Limit getunten Zweitakter ist das der absolute Endgegner. Hitze ist der Tod. Hitze bedeutet Leistungsverlust, Klemmer-Gefahr und weiche Kupplungsfedern.
Ich stand an der Startlinie. Neben mir der Gegner: Ein 100 PS Motorrad. Ein Goliath aus Stahl und Plastik. Ich auf meinem Hercules-Zündapp-Kreidler-Frankenstein. Der Puls? Irgendwo bei 180. Genau da, wo eigentlich die km/h sein sollten.
Die Ampel schaltet. Green Light!
Ich lasse die Kupplung kommen. Der Start war gut. Der Motor brüllt. Erster Gang sitzt. Zweiter Gang sitzt. Ich bin dran! Die Menge tobt. Das Gefühl ist unbeschreiblich. Du bist in einem Tunnel. Du siehst nur noch die Strecke vor dir.
Dann will ich in den dritten Gang schalten. Ich ziehe den Hebel. Ich lasse ihn kommen. Und dann… Nichts. Ich greife ins Leere. Der Motor heult auf, die Drehzahl schießt in den Begrenzer, aber der Vortrieb ist weg. „Scheiße. Ich habe nicht mehr schalten können. Null Gegendruck.“.
Die Kupplung war verglüht. Die Hitze war zu viel. Die Federn waren weich geworden wie Butter in der Sonne. Kein Kraftschluss mehr. Ich musste vorsichtig Gas wegnehmen, versuchen, irgendwie noch ein bisschen Grip auf die Scheiben zu kriegen. Ich bin mit 90 km/h ins Ziel getuckert. 90 km/h. Das fährt eine gut abgestimmte Kreidler RS zum Frühstück. Für einen Weltrekord-Versuch war das eine Katastrophe.
Die Analyse (Aufgeben ist keine Option)
Wir haben verloren. Ja. Der 100 PS Gegner ist an mir vorbeigezogen, als würde ich parken. Die Enttäuschung in dem Moment? Riesig. Wir haben Wochen und Monate Arbeit, Geld und Nerven in dieses Projekt gesteckt. Rene hat geschraubt bis die Finger blutig waren. Ich habe Nächte durchgemacht. Und dann scheitert es an einer überhitzten Kupplung.
Aber wisst ihr was? Als ich da stand, im Ziel, den Helm abgenommen habe und den verbrannten Geruch in der Nase hatte, da war nicht nur Enttäuschung. Da war Wut. Gute Wut. „Ich gebe nicht auf. Ich schwöre, so wahr ich hier stehe, ich schlage den nächstes Jahr!“.
Das ist der Geist der Moped-Garage. Wenn Frankys Sachs-Motor kaputt ist, reparieren wir ihn. Wenn die Zündapp nicht läuft, suchen wir den Fehler. Und wenn der Dragrider in Hockenheim versagt, dann bauen wir ihn neu. Besser. Stärker.
Was wir gelernt haben (Lessons Learned):
1. Hitze-Management: Wir brauchen eine bessere Kühlung oder eine robustere Kupplung für diese extremen Temperaturen. Vielleicht eine Trockenkupplung? Oder stärkere Federn aus der Raumfahrt? Wir werden sehen.
2. Logistik: Die „Heilige Flasche“ bekommt ab sofort einen GPS-Tracker. Und Werkzeug wird vor dem Rennen getestet, nicht im Fahrerlager.
3. Das Team: Egal was passiert, Rene und Steffen und die ganze Crew stehen zusammen. Wir gewinnen zusammen, und wir verlieren zusammen (und trinken danach trotzdem ein Bier).
Fazit: Warum tun wir uns das an?
Viele fragen mich: „Norbert, du bist über 50. Warum setzt du dich auf so ein Höllengerät? Warum der Stress?“ Die Antwort ist einfach: Freiheit. Wenn du auf so einem Ding sitzt, auch wenn es nur 25 km/h fährt (oder eben 180 fahren soll), dann bist du wieder 15. Du spürst das Leben. Du spürst die Vibrationen. Ich genieße das. In dem Moment, wo die Dinger anfangen zu knattern, ist der Stress weg.
Das Dragrider-Projekt ist noch nicht vorbei. Das war erst der erste Akt. Wir kommen wieder nach Hockenheim. Wir werden neue Teile schmieden, wir werden neue Mischungen brauen, und wir werden diesen verdammten Rekord knacken. Das ist mir egal wie. Ich schlag den!.
Bleibt dran, Leute. Verfolgt den Blog, abonniert den Kanal. Ihr wollt nicht verpassen, was wir als Nächstes aus dem Hut zaubern. Vielleicht bauen wir ja einen Beiwagen an den Dragrider? (Nein, Spaß… oder?).
Bis dahin: Schraubt an euren Kisten, haltet die Zweitakter am Leben und lasst euch nicht von kleinen Rückschlägen (oder verglühten Kupplungen) unterkriegen.
STAY TUNED!
Euer Mr. Moped
Anhang: Technische Daten des „Dragrider V1“ (Stand: Hockenheim)
| Bauteil | Herkunft / Typ | Besonderheit |
|---|---|---|
| Rahmen | Hercules MX1 | Vom Schrott gerettet, verstärkt |
| Gabel | Zündapp CS 25 | Angepasst für High-Speed |
| Motor | Kreidler Florett Basis | 80ccm+ Umbau, massiv portiert |
| Vergaser | Flachschieber (Groß!) | Abgestimmt auf Nitro-Mix |
| Kraftstoff | „Heilige Flasche“ | Methanol/Nitromethan/Öl-Mix |
| Leistung | Ziel: 18 PS | Realität: Kupplungstod |
| V-Max | Ziel: 131+ km/h | Gemessen: 90 km/h (im 2. Gang) |
P.S.: Falls jemand eine Startmaschine zu verkaufen hat, die auch wirklich auf einen Mofa-Reifen passt… meldet euch. Dringend.
