Der „Spezialist“ aus Bayern: Ein Horrorfilm mit Sachs 505 Motor (Oder: Warum billig immer zweimal kauft)

Bezieht sich auf Video: Mofa des GRAUENS ein Horrorfilm mit Sachs 505 Motor / Mr. Moped

Servus Leute!

Willkommen zurück in den Heiligen Hallen. Macht euch ein Bier auf, setzt euch hin und haltet euch fest. Heute müssen wir Tacheles reden. Und wenn ich sage Tacheles, dann meine ich: Ich habe Puls. Ich kriege Plaque.

Normalerweise geht es hier um die Leidenschaft für Zweitakter, um den Geruch von 1:50 und um das Retten von Kulturgut. Aber heute geht es um ein Thema, das mir wirklich an die Nieren geht: Pfusch. Und zwar nicht der „Ich-hab-mal-was-probiert“-Pfusch eines 15-Jährigen in der Garage, sondern der gefährliche, arrogante Pfusch von selbsternannten „Spezialisten“, die euch das Geld aus der Tasche ziehen und lebensgefährlichen Schrott zurückschicken.

Die Geschichte, die ich euch heute erzähle, ist die von Franky. Und sie ist leider kein Einzelfall. Sie ist ein Mahnmal für jeden, der glaubt, man könne einen Motor „mal eben billig ohne Rechnung“ machen lassen.

Die emotionale Vorgeschichte: Ein Traum wird zum Albtraum

Franky ist einer von uns. Ein feiner Kerl, der eine schwere Zeit hinter sich hatte. Er war krank, und seine Frau wollte ihm eine Riesenfreude machen. Sie wollte ihm ein Stück Jugend zurückgeben, ein Stück Freiheit. Also hat sie ihm sein Traum-Mofa besorgt: Eine wunderschöne Hercules mit dem legendären Sachs 505 Motor.

Optisch? Ein Leckerbissen. Da standen zwei Profis am Werk, die das Ding poliert und lackiert haben. Aber Technik? Da hieß es gleich: „Davon lassen wir die Finger, da muss ein Fachmann ran.“ Das Mofa lief nicht. Also hat man im Internet gesucht und einen „Spezialisten aus Bayern“ gefunden. Jemanden, der von sich behauptet, er sei der Papst der Sachs-Motoren. Der Guru der 50er Jahre Technik.

Franky schickt den Motor hin. Er bezahlt gutes Geld. Er freut sich. Der Motor kommt zurück. „Frisch revidiert“, heißt es. Franky baut ihn ein. Er will losfahren. Die erste Tour, der Wind im Gesicht… Pustekuchen! Das Ding zieht keine Wurst vom Teller. Seine Kumpels müssen ihn mit ihren eigenen Mofas den Berg hochschieben. Das Kettenrad springt runter. Nichts funktioniert.

Verzweifelt schickt Franky den Motor nochmal zu dem Spezialisten. Antwort: „Ja, da war der falsche Kolben drin, ich hab das jetzt gerichtet. Und das Pleuel hatte zwei Zehntel Spiel, das ist jetzt auch weg.“ Wieder bezahlt Franky. Wieder kommt der Motor zurück. Wieder läuft nichts. Und dann stand Franky bei uns in der Werkstatt.

Die Autopsie: Wenn Mechaniker weinen

Als Franky mir die Geschichte erzählt hat, hatte ich schon so ein Ziehen im Nacken. Wir haben das Moped auf die Bühne gestellt. Und was wir dann gefunden haben, spottet jeder Beschreibung. Das war keine Revision. Das war Körperverletzung an der Technik.

Wir gehen das jetzt Schritt für Schritt durch. Damit ihr lernt, worauf ihr achten müsst – und warum ein „Spezialist ohne Handwerksrolle“ oft einfach nur ein Pfuscher ist.

1. Der Trockenlauf (Mord am Getriebe)

Als Franky das Moped zum ersten Mal fahren wollte, fiel ihm auf, dass das Ritzel Probleme machte. Er macht den Deckel auf, um nachzusehen. Und was findet er? Nichts. Der Motor war furztrocken. Kein einziger Tropfen Getriebeöl. Leute, jetzt mal ganz ehrlich: Wenn ich einen Motor revidiere und an einen Kunden rausgebe, dann ist da Öl drin. Oder – wenn es wegen dem Versand nicht geht – dann klebt da ein riesiger, neonfarbener Zettel drauf: „ACHTUNG! ÖL EINFÜLLEN!“. Einen Motor „revidiert“ ohne Öl und ohne Hinweis zu verschicken, ist grob fahrlässig. Das ist der sichere Tod für Kupplung und Getriebe nach den ersten 5 Kilometern.

2. Das „Pleuel des Todes“

Der Spezialist behauptete am Telefon, er hätte „zwei Zehntel Spiel“ am Pleuel gehabt und das korrigiert. Ich habe den Zylinder gezogen. Ich habe am Polrad gedreht. Und ich habe ein Geräusch gehört, das mir durch Mark und Bein ging. Klack. Klack. Klack. Ich nehme das Pleuel in die Hand. Ich wackle dran. Leute, das waren keine zwei Zehntel. Das war ein ganzer Millimeter Höhenspiel. Wisst ihr, was das bedeutet? Das Pleuel schlägt bei jeder Umdrehung wie ein kleiner Hammer auf den Hubzapfen. Bei 6000 Umdrehungen pro Minute sind das 100 Hammerschläge pro Sekunde! Das ist eine Zeitbombe. Wenn das Pleuel abreißt, durchschlägt es das Gehäuse, blockiert das Hinterrad und du liegst auf der Nase. So etwas als „repariert“ zurückzuschicken, ist kriminell. Da gibt es keine andere Bezeichnung für.

3. Die Dichtmasse-Orgie

Wir haben den Motor aufgemacht. Und es sah aus, als hätte jemand versucht, ein Fenster abzudichten. Überall quollen dicke Würste von roter Dichtmasse heraus. Viel hilft viel? Nein! Im Motorenbau arbeiten wir mit präzisen Dichtflächen. Eine Papierdichtung, hauchdünn Dichtmasse, fertig. Wenn ihr da Tubenweise Zeug reindrückt, drückt es sich nicht nur nach außen (sieht scheiße aus), sondern auch nach innen. Und drinnen verstopft es Ölkanäle oder landet im Lager. Das ist Pfusch am Bau, erste Klasse.

4. Die Sache mit dem Kolben

Der „Spezialist“ gab zu, beim ersten Mal einen falschen Kolben verbaut zu haben. Angeblich hätte der zwei Ringe gehabt und nicht gepasst. Moment mal. Ich bin „Spezialist“. Ich habe den Motor vor mir. Ich sehe die Toleranzen. Und ich baue aus Versehen den falschen Kolben ein? Das ist so, als würde ein Schuhverkäufer euch Größe 45 verkaufen, obwohl ihr 38 habt, und sagen: „Ups, hab ich nicht gesehen.“ Das zeigt einfach: Hier wurde nicht gemessen. Hier wurde irgendwas aus der Grabbelkiste reingestopft, was gerade rumlag. Hauptsache, die Kasse stimmt.

5. Der Zylinder-Mord (Schleifpapier-Tuning)

Aber die Krönung – die absolute Kirsche auf dem Sahnehäubchen des Wahnsinns – war der Zylinder. Der Zylinder hatte Riefen. Tiefe Riefen. Wahrscheinlich von einem früheren Fresser oder Dreck. Was macht ein Profi? Er misst den Zylinder, bohrt ihn auf das nächste Übermaß und hont ihn professionell. Was hat unser „Spezialist“ gemacht? Er hat offensichtlich Schleifpapier genommen und im Zylinder rumgerieben. Das Ergebnis: Der Zylinder war nicht mehr rund, sondern oval wie ein Ei. Die Kompression war weg. Der neue Kolben (diesmal vielleicht sogar der richtige Typ) kippelte darin herum wie ein Lämmerschwanz. Das ist kein Handwerk. Das ist Zerstörung.

Warum passiert sowas? (Das Problem mit der „Rechnung“)

Jetzt fragt ihr euch: Wie kann das sein? Warum geht Franky nicht zum Anwalt? Ganz einfach: Es gab keine Rechnung. Der „Spezialist“ arbeitet „privat“. Ohne Steuer. Ohne Gewerbe. Ohne Handwerksrolle. Er hat Franky einen „guten Preis“ gemacht. Aber wie heißt unser Motto? „Wer billig kauft, kauft zweimal.“

In Deutschland gibt es die Handwerksordnung nicht umsonst. Wer an sicherheitsrelevanten Teilen wie Motoren, Bremsen oder Fahrwerk gewerblich schraubt, muss nachweisen, dass er es kann. Er muss in der Handwerksrolle eingetragen sein. Wir bei der Moped-Garage sind eingetragen. Rene, unser Werkstattleiter, ist gelernter Zweiradmechaniker mit Brief und Siegel. Wenn wir Mist bauen (was wir nicht hoffen), dann haften wir dafür. Ihr habt eine Rechnung. Ihr habt Gewährleistung.

Wenn ihr euren Motor zu „Hansi Hinterhof“ schickt, der das „schwarz“ macht, habt ihr gar nichts. Außer einem kaputten Motor und einem leeren Geldbeutel. Und Franky hatte noch Glück. Wäre ihm bei 40 km/h das Pleuel abgerissen und das Hinterrad blockiert, hätten wir hier über ganz andere Dinge gesprochen als über Geld.

Die Rettung: So wird es richtig gemacht

Natürlich haben wir Franky nicht im Regen stehen lassen. Wir haben ein Herz für Mofas und für Menschen, die so über den Tisch gezogen wurden. Wir haben den „revidierten“ Motor komplett zerlegt. Alles raus.

Neue Kurbelwelle: Die alte war Schrott.

Neue Lager: Markenware (SKF/FAG), C3 Lagerluft beachten!

Neue Simmerringe: Viton, doppellippig.

Neuer Zylinder & Kolben: Der alte war durch die Schleifpapier-Aktion nicht mehr zu retten.

Ausmessen: Axialspiel der Wellen korrekt ausgeglichen (nicht einfach zuschrauben!).

Zündung: Eingestellt mit der Messuhr, nicht nach „Gefühl“.

Und siehe da: Drei Kicks, und der Sachs 505 schnurrt wie ein Kätzchen. Sauberes Standgas, kein Rasseln, kein Klappern. Franky ist vom Hof gefahren und hatte endlich das Grinsen im Gesicht, das er eigentlich schon vor Monaten haben sollte.

Mr. Mopeds Fazit

Leute, lasst euch nicht blenden. Im Internet tummeln sich viele Schaumschläger. Nur weil einer eine Webseite hat oder auf eBay Kleinanzeigen „Motorrevision für 150 Euro“ anbietet, heißt das nicht, dass er weiß, was ein Drehmomentschlüssel ist.

1. Verlangt eine Rechnung. Immer. Das ist eure Lebensversicherung.

2. Fragt nach der Qualifikation. Ist das ein Betrieb? Ist er in der Handwerksrolle?

3. Hört auf euer Bauchgefühl. Wenn der Preis zu gut ist, um wahr zu sein, ist er es meistens auch nicht.

Wir haben Frankys Motor gerettet. Aber das Lehrgeld, das er gezahlt hat, war hoch. Spart euch das. Investiert lieber einmal richtig in Qualität, in Teile, die passen, und in Arbeit, die hält. Euer Moped (und eure Knochen) werden es euch danken.

Wir sehen uns auf der Straße – hoffentlich ohne Klappern im Motor!

STAY TUNED!

Euer Mr. Moped

P.S.: Falls der „Spezialist aus Bayern“ das hier liest: Such dir ein anderes Hobby. Vielleicht Töpfern. Da kann wenigstens kein Pleuel abreißen.

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